Volkskrankheit Hashimoto-Thyreoiditis

von Dr. Volker Schmiedel
Chefarzt Innere Abteilung, Habichtswald-Klinik, Kassel
Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin, Naturheilverfahren, Homöopathie;
„Experte in biologischer Medizin“ (Diplom, Uni Mailand)

Im Jahr 1912 beschrieb der japanische Arzt Hakaru Hashimoto (1881-1934) erstmals eine Schilddrüsenentzündung, die daraufhin zu Ehren des Erstbeschreibers „Hashimoto-Thyreoiditis“ genannt wurde. In Westeuropa sind ein bis zwei Prozent der Bevölkerung von dieser Krankheit betroffen. Man schätzt aber, dass sechs bis acht Prozent diese Krankheit bereits haben (immerhin jeder 14.!), ohne dass sie bisher symptomatisch geworden ist. Frauen sind etwa acht- bis zehnmal häufiger betroffen als Männer. Die Hashimoto-Thyreoiditis selbst ist zwar nicht vererbbar, die Neigung, eine solche Autoimmunkrankheit zu bekommen, aber schon.

Heutzutage gehört die Bestimmung des Schilddrüsenwertes zur Routinediagnostik. Dabei fällt auf, dass eine bisher nicht bekannte Unterfunktion der Schilddrüse relativ häufig festzustellen ist. Der sensibelste Schilddrüsenwert ist das TSH, das Thyreoidea (=Schilddrüse) stimulierende Hormon. Es wird von der Hypophyse (Hirnanhangdrüse) abgesondert und sagt der Schilddrüse: „Im Körper sind zu wenig Schilddrüsenhormone. Gib Gas und produziere gefälligst mehr!“

Ist das TSH zu hoch, spricht dies für eine Unterfunktion. Bei einem Zuviel an Schilddrüsenhormonen stellt die Hypophyse die TSH-Ausschüttung weitgehend ein, damit nicht noch mehr Hormone produziert und freigesetzt werden. TSH stimuliert also die Produktion und die Freisetzung der Schilddrüsenhormone sowie das Wachstum der Schilddrüse. Die Schilddrüsenhormone T3 und T4 sind oft noch im unteren Normbereich, wenn das TSH bereits erhöht ist und eine latente Schilddrüsenunterfunktion vorliegt.

Wodurch kommt es zur Schilddrüsenunterfunktion?

Die Hauptursache einer Schilddrüsenunterfunktion war früher der Jodmangel – Deutschland ist ein Jodmangelland. Durch die Jodierung zahlreicher Lebensmittel kommt Jodmangel als Ursache immer seltener vor. Immer häufiger werden jedoch Schilddrüsenentzündungen festgestellt. Hierbei handelt es sich um eine Autoimmunkrankheit.

Das Immunsystem bildet Abwehrstoffe gegen eigenes Gewebe – in diesem Fall gegen bestimmte Bestandteile der Schilddrüse. Bei nachgewiesener Unterfunktion kann eine Untersuchung auf diese Abwehrstoffe veranlasst und so die Ursache geklärt werden. MAK, TAK und TRAK sind die besagten Antikörper, die die Schilddrüse angreifen und langfristig sogar zerstören können. Die T3- und T4-Werte sinken.

Was geschieht bei einer Störung der Schilddrüsenfunktion?

In der nachfolgenden Tabelle können Sie die wichtigsten Symptome einer Störung der Schilddrüse ablesen. Sie sehen, wo dieses kleine Organ entscheidend eingreift.

Symptome einer Schilddrüsenunterfunktion
  • Müdigkeit, Abgeschlagenheit
  • Gewichtszunahme trotz Diät
  • Frieren
  • Wärme wird bevorzugt
  • Depression, Antriebslosigkeit
  • Gelenkschmerzen
  • Trockene, rissige Haut, brüchige Haare
  • Verringerte Libido, gestörter Zyklus (bei Frauen)
  • Muskelschwäche
  • Verstopfung
  • Kloß im Hals, Räuspern, Hüsteln
  • Wassereinlagerung (Lid, Gesicht, Beine)
  • Konzentrations- und Gedächtnisstörungen
  • Cholesterin und/oder Triglyceride erhöht

Symptome einer Schilddrüsenüberfunktion
  • Heißhunger
  • Gewichtsverlust trotz guten Essens
  • Schwitzen
  • Kälte wird bevorzugt
  • Nervosität, Reizbarkeit
  • Unruhe, Zittern der Hände, feuchtwarme, schwitzige Haut
  • Menstruationsstörungen (unregelmäßig, verstärkt oder Ausbleiben)

Körperliche Funktionen werden bei einer Störung der Schilddrüsenfunktion ebenso in Mitleidenschaft gezogen wie das mentale Erleben. Selbst das Cholesterin kann enorm ansteigen, und so kann die Schilddrüse sogar an einer Arteriosklerose beteiligt sein. Wir sehen also: Viele Symptome eines Burnout-Syndroms decken sich mit denen einer Schilddrüsenunterfunktion. Manch Erschöpfter könnte wieder normal leistungsfähig werden, wenn nur seine Schilddrüse optimal eingestellt würde. Viele Menschen mit Übergewicht wundern sich, warum sie nicht abnehmen, obwohl sie immer weniger essen. Unter Umständen kann eine Unterfunktion der Schilddrüse dafür verantwortlich sein.

Zahl von Autoimmunerkrankungen steigt

Warum es immer häufiger zu solchen Autoimmunerkrankungen kommt, ist letztlich ungeklärt. Dies trifft übrigens nicht nur für die Schilddrüse, sondern für nahezu alle anderen Organsysteme in gleichem Maße zu. Egal ob Gelenke (Rheuma), Darm (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa), Immunsystem (Allergie) oder Haut (Neurodermitis, Psoriasis) – Autoimmunerkrankungen nehmen ständig zu. über den Grund dieser Häufung von Autoimmunkrankheiten streiten die Gelehrten noch. Für die endgültige Klärung dieser Frage gäbe es sicher einen Nobelpreis. Soviel ist aber klar: In Ländern mit einem „westlichen Lebensstil“ nehmen Autoimmunerkrankungen explosionsartig zu. überall dort, wo Menschen sich von ihrer traditionellen Lebensweise ab- und einer westlich orientierten zuwenden, wird dieses Phänomen beobachtet.

Die Suche nach der Ursache

Theorien gibt es viele. Die meisten gehen davon aus, dass unsere (übertriebenen?) Hygienestandards für Autoimmunerkrankungen verantwortlich sind. Während die Kinder früher viele Infekte, auch Wurmerkrankungen, durchmachten, das Immunsystem also viel „zu tun hatte“, kommt es heute durch (zu häufigen?) Einsatz von Antibiotika und das Fehlen von parasitären Erkrankungen zu einer „Unterbeschäftigung“ des Immunsystems. Dafür spricht auch, dass es in ländlichen Gebieten – trotz häufigeren Kontaktes mit Pollen – weniger Pollenallergiker als in den (sauberen und „sterilen“) Großstädten gibt. Einer anderen Theorie zufolge ist ein Mangel an Nährstoffen ursächlich beteiligt. Selen, Vitamin C, Vitamin E, Vitamin D und Beta-Carotin sind für ein gut funktionierendes Immunsystem wichtig und wirken antioxidativ (bei jedem Autoimmunprozess werden vermehrt freie Radikale gebildet, die durch Antioxidantien entgiftet werden müssen). Bei einer hohen Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren werden Autoimmunerkrankungen und Allergien ebenfalls seltener beobachtet.

Wichtige Laboruntersuchungen bei Verdacht auf Hashimoto-Thyreoiditis
  • TSH
  • T3,T4
  • MAK, TAK, TRAK
  • Selen
  • Vitamin D
  • Omega-3

Noch einmal zum TSH, dem sensibelsten Schilddrüsenwert, der uns mit der Nase auf die Unterfunktion stupst und den wertvollsten Parameter in der Therapiesteuerung darstellt. Die üblichen Normwerte stimmen nämlich nicht mehr, und so bleiben viele Unterfunktionen lange unerkannt.

Der Normwert auf den meisten Laborzetteln liegt bei etwa 0,4-4,0 mIU/l (kleineAbweichungen sind von Labor zu Labor möglich). Neuere Empfehlungen der Endokrinologen („Fachärzte für Hormone“) gehen jedoch dahin, den optimalen Bereich auf 0,5-2,0 mIU/l einzugrenzen.

Wenn dieser Wert bei Ihnen beispielsweise bei 3,2 liegt, sagt Ihr Arzt vermutlich: „Wunderbar, alles im grünen Bereich!“ Tatsächlich kann schon eine Schilddrüsenunterfunktion vorhanden sein – besonders dann, wenn Sie bereits Symptome einer solchen aufweisen (siehe Tabelle)

Was ist zu tun, wenn eine Hashimoto-Thyreoiditis diagnostiziert wurde? Autoimmunerkrankung – das klingt zunächst fürchterlich - langfristig handelt sich jedoch "nur " um eine unangenehme Nebenwirkung, nämlich die Schilddrüsenunterfunktion. Und diese lässt sich einfach, elegant und nebenwirkungsfrei mit der Gabe von Schilddrüsenhormon (meist T4, also das L- Thyroxin) beheben.

Hier ist die Einnahme von Hormonen ein wahrer Segen für den leidenden Patienten. Die Symptome der Unterfunktion (siehe Tabelle) sind ja alles andere als angenehm oder harmlos. Die Gabe von mehr Jod würde hier nicht nur nichts bringen, da die (teilweise zerstörte) Schilddrüse daraus auch nicht mehr Hormone synthetisieren könnte. Die zusätzliche Gabe von Jod ist sogar kontraindiziert, da der Entzündungsprozess in der Schilddrüse gefördert werden könnte. Nebenbei: Auch wenn Jod bei eingetretener Hashimoto-Thyreoiditis nicht günstig ist, kann nicht behauptet werden (ich höre diese irreführenden Behauptungen immer wieder), dass die Jodierung von Lebensmitteln zu einem vermehrten Auftreten dieser Erkrankungen geführt hat. Dafür gibt es aus epidemiologischen Untersuchungen keinerlei Hinweise.

Es kommt also nur die Gabe von Schilddrüsenhormonen in Frage, wobei die Neben- wirkungen wirklich vernachlässigbar sind. Praktisch die einzige relevante Nebenwirkung betrifft das Auftreten von Symptomen einer Schilddrüsenüberfunktion(siehe Tabelle), wenn zu viele Hormone gegeben wurden (das kann man aber anhand des TSH-Wertes leicht überprüfen) oder die Dosis zu Beginn zu hoch angesetzt wurde. Es können Symptome der überfunktion auftreten, wenn die Werte sogar noch eine Unterfunktion anzeigen.

Selen und Vitamin D

Gleichzeitig soll immer Selen verabreicht werden, da mittlerweile nachgewiesen werden konnte, dass Schilddrüsen-Antikörper hierunter gesenkt werden. Man kann mit der Selentherapie sicher keine Heilung der Hashimoto-Thyreoiditis versprechen, aber eine Absenkung der Antikörper und damit eine Verlangsamung des Autoimmunprozesses ist auch schon mal was. Eine Standarddosis wären 200 µg Selen täglich.

Noch genauer ist die Einstellung der optimalen Dosis anhand des Selenspiegels im Blut. Die Vollblutbestimmung ist hier besser als der Serumwert. Der Normwert im (selenarmen!) Deutschland liegt bei 89-168 µg/l, optimal wäre aber bei Autoimmunerkrankungen ein Wert von 150-200 µg/l.

Da Vitamin D auch eine immunmodulierende Wirkung bei Autoimmunerkrankungen entfaltet, sollte immer auch Vitamin D dazu gegeben werden, z. B. Biores Vitamin D 3 öl (Anfangsdosis etwa 10. 000 IE pro Tag, danach 3.000 IE pro Tag). Günstig ist auch hier die Vitaminbestimmung im Blut. Kaum jemand erreicht in Deutschland den optimalen Wert von über 100 mmol/l. Bei vielen Menschen liegt sogar ein absoluter Mangel von unter 50 mmol/l vor. Die Werte von Selen und Vitamin D sollten bei einer medikamentösen Therapie nach etwa drei Monaten überprüft und die Dosis ggf. optimiert werden.

Omega-3-Fettsäuren

Für Patienten mit Hashimoto-Thyreoiditis gilt es, reichlich Omega-3-Fettsäuren zuzuführen. Sie sind in der Lage, Autoimmunprozesse zu dämpfen. Patienten sollten daher reichlich Leinöl (mind. 1 EL täglich in Suppen, Soßen, Salaten, nicht braten!) und ggf. ein Fischölpräparat einnehmen, so dass ein bis zwei Gramm reine Omega-3-Fettsäuren zugeführt werden, z.B. Omacor® 2 Kps. oder Zodin® 2 Kps. täglich. Diese Präparate sind nahezu jodfrei, da Jod nicht fettlöslich ist. Auch die Fettsäuren können heute von einigen Speziallabors im Blut bestimmt werden. Besonders wichtig ist hierbei der Quotient aus Omega-6-/Omega-3- Fettsäuren, der normalerweise bei 3,5-7 liegt, bei allen Autoimmunerkrankungen aber deutlich unter 3,5 betragen sollte .Der Erfolg einer Ernährungsumstellung kann so elegant nachgewiesen werden.

Die sanfte Heilung

Fazit – passen Sie auf sich und Ihre Lieben auf. Die Hashimoto-Thyreoditis ist ein harmloses, aber unangenehmes Pflänzlein, das oft viele Jahre im Verborgenen gedeiht, bevor meist zufällig die Blüten entdeckt werden. Zum Glück müssen wir dieses „Unkraut“ nicht mit „Herbiziden“ (sprich: Kortison, MTX, Immunsuppressiva und anderen „harten Geschützen“) radikal ausmerzen, sondern können ihm ganz sanft das Wasser abgraben. Dies ist mit natürlichen Maßnahmen, z. B. dem natürlichen Schilddrüsenhormon, Selen, Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren, möglich.

Was tun bei ersten Anzeichen?

Wenn Sie selbst nicht von einer Hashimoto-Thyreoiditis betroffen sind (die Wahrscheinlichkeit beträgt immerhin sechs bis acht Prozent für das Bestehen dieser Krankheit bei jedem mitteleuropäischen Erwachsenen!), dann haben Sie statistisch mindestens einige Bekannte und Verwandte, die diese Krankheit haben – vielleicht noch nicht einmal erkannt. Wenn Sie oder Ihnen Nahestehende einige Symptome einer Schilddrüsenunterfunktion aufweisen, so lassen Sie das TSH messen. Falls es erhöht ist, sollten die Schilddrüsen-Antikörper bestimmt werden. Sind diese erhöht, ist die Krankheit bewiesen. Es gelten die obigen Therapie-Hinweise, von denen die Hormonsubstituion auch von der Schulmedizin empfohlen wird. Zu Den komplementären Therapiemaßnahmen , für deren Nutzen (außer beim Selen) noch kein harter wissenschaftlicher Beweis vorliegt, möchte ich meinen Patienten wärmstens Anraten. Mit den Tipps können leichte bis mäßige Gesundheitsstörungen oft erstaunlich gut behandelt werden. Bei stärkeren Beschwerden oder einer Verschlechterung sollten Sie jedoch nicht zu lange zögern und zum Arzt zu gehen.

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