Übersäuerung

Autorin: Roswitha Jerger, Pharmazeutisch-Technische Assistentin

So wie die Temperatur ein Maßstab für heiß und kalt ist, ist der pH-Wert ein Indikator dafür, wie „sauer“ oder „basisch“ eine Flüssigkeit ist. Und genau wie die Temperatur hat auch der pH-Wert für den Körper eine fundamentale Bedeutung.

Als Säure-Basen-Haushalt bezeichnet man eines der wichtigsten Regulationssysteme des Organismus. Ein komplexes System von Regelmechanismen und sog. Puffersystemen sorgt dafür, dass das Verhältnis Säure-Base im Organismus in einem gesunden Gleichgewicht gehalten wird, sodass die lebenswichtigen biochemischen Stoffwechselvorgänge permanent ungestört und zuverlässig ablaufen können.

Der pH-Wert des Blutes, das Sauerstoff zu den Zellen und Kohlendioxid aus den Zellen zum Abatmen in die Lunge transportiert, muss in ganz engen Grenzen stabil bleiben. Auch der pH-Wert in den Zellen unseres Körpers muss stabil sein, damit die Enzyme, die für lebenswichtige Stoffwechselvorgänge zuständig sind ihre Arbeit verrichten können. Die wesentlichen Funktionen des Säure-Basen-Haushaltes spielen sich im Blut und in den Geweben, vor allem auch im Bindegewebe ab. In den Geweben werden überschüssige Säure-Basen meist an Proteine gebunden und dadurch „aus dem Verkehr“ gezogen. Dadurch wird verhindert, dass die gesunden körperlichen Vorgänge gestört werden.

Einen wesentlichen Beitrag zur Regulation des Säure-Basen-Gleichgewichts leistet die Nahrungsaufnahme. Unsere Nahrung beeinflusst auf der einen Seite die Säurebildung im Organismus, auf der anderen Seite wird durch den Verzehr basenbildender Lebensmittel aber auch die Pufferkapazität gestärkt. Knochen und Bindegewebe sind ebenfalls an der Säure-Basen-Regulation beteiligt.

Als größtes Verdauungsorgan spielt der Darm eine zentrale Rolle bei der Regulation des Säure-Basen-Gleichgewichtes. Mit Hilfe der in den Verdauungssekreten enthaltenen Enzyme sowie der großen Zahl der nützlichen Mikroorganismen, die unsere Darmflora ausmachen, wird die Nahrung aufgeschlossen, damit die für den Organismus nutzbaren Mikronährstoffe (Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente) und Makronährstoffe (Fette, Eiweiße und Kohlenhydrate) über die Darmzotten aufgenommen werden können. Ist die Menge der mit den Verdauungssäften in den Darm abgegebenen Basen zu gering, sinkt der pH-Wert im Darm und die Lebensbedingungen für die nützlichen Mikroorganismen verschlechtern sich. Ein Defizit an Basen oder eine gestörte Säure-Basen-Balance beeinträchtigt eine gesunde Darmfunktion. Ohne intakte Verdauung können wir die Nährstoffe aus der Nahrung nicht richtig verwerten.

Kompensation einer chronischen Übersäuerung:

Zur Konstanthaltung des pH-Wertes innerhalb und außerhalb der Zellen hat der Organismus Mechanismen entwickelt, die es uns ermöglichen, eine drohende Stoffwechselentgleisung automatisch abzuwehren. Allerdings wurden diese Zusammenhänge, denen in der Medizin lange keine Beachtung geschenkt wurde, erst relativ spät aufgeklärt, ebenso die auf lange Sicht mit diesen Kompensationsmechanismen in Verbindung stehenden gesundheitlichen Aspekten.

Für eine gewisse Zeit kann der Körper überschüssige Säuren unter anderem problemlos über die Niere wieder ausscheiden. Muss die Niere jedoch große Mengen von Säure neutralisieren, führt dies automatisch zu einem erhöhten Bedarf an stickstoffhaltigem Ammoniak, der vor allem aus den Aminosäuren, den Bausteinen unseres Muskeleiweißes, bereitgestellt wird. Wie man sich leicht vorstellen kann, führt deshalb eine langfristig hohe Säurebelastung zu Muskelabbau, der mit Kräfteverlust und gravierenden gesundheitlichen Schäden verbunden sein kann, was vor allem bei älteren Patienten mit chronischer Übersäuerung zu beobachten ist.

Auch der Knochen wird durch eine erhöhte Säurebelastung in Mitleidenschaft gezogen. Es kommt bei Übersäuerung zu einer physikalischen Ablösung von Bikarbonat, das zur Neutralisation benötigt wird. Gleichzeitig werden Mineralstoffe, insbes. Calcium, von der Knochenmasse abgelöst.

Das Bindegewebe stellt eine wichtige Transitstrecke beim Transport von Stoffwechselprodukten aus den Zellen ins Blut und umgekehrt dar. Kommt es aufgrund einer Übersäuerung zur Einlagerung von Säuren in das Bindegewebe, verändern sich seine physikalisch-chemischen Eigenschaften. Elastizität und Flexibilität der Bindegewebsstruktur gehen verloren. Dies hat langfristig zur Folge, dass das Bindegewebe starr wird, weniger durchblutet wird und daher leichter zu Entzündungen neigt. Insgesamt ist der gesamte Bewegungsapparat betroffen, da auch Sehnen, Bänder und der Knorpel von Gewebeübersäuerung beeinträchtigt werden.

Die Ursache der heutigen ernährungsbedingten Übersäuerung liegen im vergleichsweise hohen Verzehr von tierischem Eiweiß und dem niedrigen Anteil von Obst, Gemüse und Salat. Daneben tragen auch Phosphate aus Nahrungsmitteln durch die Bildung von Phosphorsäure zur Säurebelastung bei. Dennoch ist Ernährung nicht alles. Daneben gibt es weitere Faktoren, die unabhängig von der Ernährung sind. Die wichtigsten sind: Bewegung, das Verhältnis zwischen Stress und Erholung und die Gefühlswelt.

Die gesundheitlichen Folgen einer chronischen Übersäuerung sind vielfältig. Untersuchungen an verschiedenen Bevölkerungsgruppen haben gezeigt, dass eine Ernährung mit hoher Säurezufuhr mit einer geringeren Knochendichte einhergeht. Es besteht Osteoporosegefahr. Eine Übersäuerung hat auch negative Auswirkungen auf die Funktion des Bindegewebes und somit auch Auswirkungen auf die Elastizität des Gewebes sowie die Zugfähigkeit der Knochen, Sehnen und Bänder. Weiterhin kann es zu chronischen Rücken- und Gelenksschmerzen kommen, auch Rheuma kann durch die Übersäuerung begünstigt werden. Auch Gicht und Diabetes zählen zu den Zivilisationskrankheiten, die durch Übersäuerung hervorgerufen werden können.

In den vergangenen Jahren sind die Erkenntnisse über den Säure-Basen-Haushalt erheblich angewachsen. Dadurch lassen sich die bisher auf den Erfahrungsschatz der Naturheilkunde basierenden Erkenntnisse über die positiven Effekte eines ausgeglichenen Säure-Basen-Haushaltes nunmehr auch wissenschaftlich belegen. Es entspricht durchaus modernem Wissen, durch Vermeidung einer Übersäuerung den Stoffwechsel positiv zu beeinflussen und so den typischen Zivilisationskrankheiten entgegenzuwirken.

Quellenangaben:

Chronisch übersäuert?
Dr. Thomas Goedecke
Prof. Dr. Jürgen Vormann

Säure-Basen-Balance
Sabine Wacker
Dr. med. Andreas Wacker
GU-Verlag

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